27.10.2026
Von der Forderung zur Umsetzung: Einblick in „Für eine neue Gründerzeit, jetzt!”
von Zoheir Shaker (Startup-Verband)
Ein Einblick in die Initiative „Für eine neue Gründerzeit, jetzt!” und das E-Paper, das sie weiter vertieft. Warum wir im Juni gestartet sind, was seitdem passiert ist und weshalb die wichtigste Etappe noch vor uns liegt.
Warum die Stimme des Ökosystems an den Tisch gehört
Am 10. Juni trafen sich Sozialpartner und Koalitionsspitzen im Kanzleramt. Es ging um Rente, Steuern, Bürokratieabbau und Arbeitsrecht, also um genau die Fragen, von denen abhängt, ob Deutschland wieder wächst. Die Stimme der Startups und Scaleups war nicht dabei. Dabei arbeiten heute rund 500.000 Menschen in diesen Unternehmen, und sie schaffen neue Arbeitsplätze gerade dort, wo klassische Branchen im Umbruch sind. Gleichzeitig war die Gründungsdynamik nie so stark wie heute. Allein im ersten Halbjahr 2026 sind in Deutschland 3.053 Startups neu gegründet, ein neuer Rekord für ein Halbjahr. Bei uns wächst gerade ein großer Teil der Unternehmen heran, die das Wachstum und die Beschäftigung von morgen tragen werden. Deshalb sollte dieses Ökosystem mit am Tisch sitzen, wenn über Reformen gesprochen wird.
Mit dem Koalitionsausschuss am 2. Juli stand die nächste Entscheidung über ein Reformpaket bereits fest, und bis dahin wollten wir die Perspektive von Startups und Scaleups einbringen. Also haben wir unsere Erwartungen in zehn konkrete Forderungen übersetzt, von der Altersvorsorge über Mitarbeiterbeteiligung und Ausgründungen bis zur EU Inc. und zur Durchsetzung des Digital Markets Act (DMA). Mehr als 100 Erstunterzeichner*innen aus der Startup-Szene und der etablierten Wirtschaft, gaben der Initiative von Beginn an einen staken Schwung. Die BILD-Zeitung griff die Initiative prominent auf.
Eine Resonanz, die für Aufbruch steht
In kurzer Zeit hat sich die Zahl der Unterstützer*innen mehr als verzehnfacht. Unterschrieben haben Menschen aus ganz unterschiedlichen Teilen von Wirtschaft und Gesellschaft. Der Wunsch nach unternehmerischem Aufbruch reicht weit über die Startup-Szene hinaus, und das Ökosystem hat gezeigt, dass es mit einer Stimme sprechen kann.
Am 2. Juli hat die Koalition ein Reformpaket mit 34 Maßnahmen beschlossen. Zwei unserer Forderungen finden sich darin wieder, die Stärkung der Kapitaldeckung in der Rente und ein flexiblerer Kündigungsschutz für Spitzenverdienende. Das hat uns bestärkt. Gleichzeitig sind es nur erste Schritte. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ob Venture Capital in der Altersvorsorge tatsächlich eine Rolle spielt und ob die Flexibilisierung bei Startups ankommt, entscheidet sich erst in der Ausgestaltung der entsprechenden Gesetze.
Beschlüsse sind ein Anfang, keine Umsetzung
Am 22. Juli hat die Bundesregierung die Startup- und Scaleup-Strategie beschlossen, mit 152 Maßnahmen in acht Themenfeldern. Dass es sie gibt, ist ein gutes Signal, denn zu Beginn der Legislaturperiode war das nicht absehbar. Auch an anderen Stellen bewegt sich etwas, etwa mit der seit dem 1. Juli geltenden Direktauftragswertgrenze von 100.000 Euro für Startups oder mit den Pilotprojekten zur 24-Stunden-Gründung.
Reformpaket, Strategie und erste Instrumente zeigen, dass die Richtung stimmt, aber Beschlüsse verändern noch kein Unternehmen. Eine Grenze im Vergaberecht hilft erst, wenn Vergabestellen sie kennen und nutzen. Ein Pilotprojekt hilft erst, wenn belastbare Ergebnisse daraus werden. Entscheidend ist, was bei Gründer*innen tatsächlich ankommt.
Deshalb konnte die Initiative nicht mit der Veröffentlichung der Forderungen enden. Wir wollten sie mit Substanz unterlegen und gemeinsam mit denen weiterentwickeln, die täglich mit diesen Fragen arbeiten.
Zwei Abende, zehn Themen
Dafür haben wir eine zweiteilige Veranstaltungsreihe aufgesetzt. Am 23. September waren wir bei der Deutsche Börse zu Gast. Im Mittelpunkt standen Kapital und Talente, also die Frage, wie Altersvorsorge und Venture Capital zusammenpassen, was die WIN-Initiative leisten kann, wie es um den Kündigungsschutz steht und wie sich Mitarbeiterkapitalbeteiligung vereinfachen lässt. Mit Katharina Beck, finanzpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, und Thomas Book, Vorstandmitglied der Deutsche Börse, saßen Politik und Finanzwirtschaft gemeinsam auf der Bühne.
Am 7. Oktober folgte der zweite Abend bei GetYourGuide. Hier ging es um die Themen, die darüber entscheiden, ob aus Forschung Unternehmen und aus Startups Weltmarktführer werden, also um Ausgründungen, KI-Infrastruktur, die Durchsetzung des DMA und die EU Inc. Mit Ralph Brinkhaus, Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Digitales und Staatsmodernisierung, stand zum Abschluss die Frage im Mittelpunkt, wie der Staat vom Förderer zum Kunden junger Unternehmen werden kann.
Das E-Paper: jede Forderung bekräftigt, aus mehreren Blickwinkeln
Mit dem E-Paper tauchen wir tiefer ein. Es führt die Forderungen, die Gespräche der beiden Abende und die Perspektiven von 35 Stimmen aus Wissenschaft, Finanzwirtschaft, Rechtspraxis und Unternehmen zusammen. Uns ging es darum, die Forderungen mit Daten, Praxiserfahrung und mit einer Einordnung zu hinterlegen, die über unsere Verbandsperspektive hinausgeht.
Beim Thema Kapital zeigt Prof. Jörg Rocholl, Präsident der ESMT, dass Europa kein Kapital-, sondern ein Kapitalallokationsproblem hat. Die EY-Analyse von Dr. Thomas Prüver und Arash Nasirifar ergänzt, dass Finanzierungsrunden über 50 Millionen Euro inzwischen rund zwei Drittel des Investitionsvolumens ausmachen und zunehmend von ausländischen Investoren angeführt werden. Beim Kündigungsschutz belegt Oliver Coste, Präsident von FESDI, mit Daten aus 250 Restrukturierungsplänen, wie stark die Kosten des Scheiterns die Innovationsfähigkeit eines Landes prägen. Und wie viel Planungssicherheit ein früher Auftrag schafft, macht Florian Seibel, Co-CEO von Quantum Systems, aus Unternehmenssicht deutlich.
Bei aller Unterschiedlichkeit der Perspektiven ziehen sich zwei Befunde durch das E-Paper. Erstens mangelt es in Deutschland nicht an Ideen, Forschung und Unternehmergeist. Zweitens entscheidet sich an den Rahmenbedingungen, ob daraus Unternehmen werden, die hier wachsen und hier bleiben. Das bekräftigt, dass unsere zehn Forderungen an den richtigen Stellen ansetzen, und es zeigt, wie eng sie zusammenhängen, denn Kapital, Talente, Regulierung und die Rolle des Staates greifen ineinander.
Was jetzt zählt
Die Initiative hat gezeigt, was entstehen kann, wenn das Ökosystem seine Anliegen gemeinsam vorträgt und fundiert begründet. Die Forderungen liegen vor, Reformpaket und Strategie sind beschlossen, und die Voraussetzungen in Deutschland sind gut, mit starker Forschung, einer wachsenden Gründungsdynamik und Unternehmen, die hier groß werden wollen. Was noch fehlt, ist die konsequente Umsetzung, und diese werden wir weiter eng begleiten, mit Daten, Gesprächen und der Erfahrung aus dem Ökosystem. Denn eine wirtschaftspolitische Wende gelingt nur, wenn Unternehmen nicht nur hier gegründet werden, sondern auch hier wachsen können.
Über den Autor
Zoheir Shaker ist Senior Public Affairs Manager beim Startup-Verband. Er koordiniert die Initiative „Für eine neue Gründerzeit, jetzt!“ und verantwortet die politische Arbeit zu Startup- und Scaleup-Finanzierung, Digitalthemen und europäischer Wettbewerbsfähigkeit.