15.09.2026

Der Staat will Innovation. Er kauft sie nur (noch) nicht (oft genug).

von Jannis Gilde (Startup-Verband)

Innovative Startups und etablierten Mittelstand zusammenbringen - das gilt schon lange als zentrales Erfolgsrezept für die deutsche Wirtschaft. Neben prominenten Erfolgsgeschichten hört man hier allerdings auch immer wieder von enormen Herausforderungen und gescheiterten Projekten. Viele gute Gründe für uns, das Thema gemeinsam mit Accenture genauer anzuschauen. Was sich dabei zeigt: 

Sechs von zehn etablierten Unternehmen tun sich schon schwer, überhaupt den passenden Startup-Partner zu finden. Außerdem bleiben Kooperationen zu oft in der Pilotfalle stecken und viele Projekte scheitern, weil der konkrete Return on Invest nicht klar genug gezeigt werden kann und der Support vom C-Level ausbleibt,  

Diese Learnings waren für uns ein essenzieller Ausgangspunkt für die Befragung die wir danach durchgeführt haben, denn auch der Staat muss sich dringend erneuern und Wege finden, durch Digitalisierung Bürokratie abzubauen. Doch wie sieht es in der Praxis aus? Genau das haben wir mit dem GovTech Startup Monitor 2026 untersucht. Und die Muster, die wir in der etablierten Wirtschaft gesehen haben, wiederholen sich – nur deutlich schärfer. 

83 Prozent der befragten Startups halten ihre Lösung für den öffentlichen Sektor geeignet oder adaptierbar. Beworben haben sich 42 Prozent. Einen Auftrag bekommen haben 24 Prozent. Eine Lücke von 59 Prozentpunkten, die größtenteils entsteht, bevor überhaupt jemand ein Angebot abgibt.

 

Wo meine beiden Welten aufeinandertreffen 

Ich habe Politik- und Verwaltungswissenschaft in Berlin und Friedrichshafen studiert und in Praktika die Beratung des öffentlichen Sektors kennengelernt. Schon damals trieben mich dieselben Fragen um: Warum tut sich Verwaltung mit Innovation so schwer, obwohl der politische Wille meistens da ist? Heute ist das Thema dringlicher denn je. Es geht längst nicht mehr nur um einzelne Unternehmen, sondern um zentrale Fragen unserer Demokratie. Bürger*innen erwarten zu Recht einfache, digitale Prozesse im Kontakt mit der Verwaltung, so wie sie es vom FinTech-Konto oder vom KI-Agenten der Fluggesellschaft kennen. Werden sie hier enttäuscht, gefährdet das langfristig die Akzeptanz staatlichen Handelns. 

In den letzten Jahren reichte mein Fokus von Startup-Neugründungen, über regionale Startup-Ökosysteme hin zu verschiedensten Technologiefeldern wie GreenTech oder KI. Der Staat spielte meist nur als gestaltender Akteur eine Rolle, aber war nie im Zentrum unserer Arbeit. Als Accenture mit der Idee auf uns zukam, das Thema GovTech genauer zu vermessen, waren wir sofort Feuer und Flamme. Nur reichten unsere bisherigen Daten dafür nicht aus, der Deutsche Startup Monitor bildet das Ökosystem insgesamt ab, aber nicht die spezifische Beziehung zur öffentlichen Verwaltung. 

Also haben wir eine eigene Befragung aufgesetzt und daraus 225 verwertbare Rückmeldungen sowie ein ergänzendes Verwaltungs-Spotlight mit 33 Mitarbeitenden gewonnen. Mit Gerhard Hammerschmid und dem Centre for Digital Governance der Hertie School hatten wir zudem einen Partner an Bord, der die Perspektive der Verwaltungsforschung eingebracht hat. Bevor wir genauer auf die Ergebnisse blicken: Überrascht hat mich dabei vor allem ein Punkt: Ich hätte erwartet, dass die viel zitierte Kulturfrage eine größere Rolle spielt. Tut sie aber klar nicht. Nur 28 Prozent der Startups nennen kulturelle Unterschiede als Grund, sich nicht zu bewerben. Stattdessen stehen die Verfahren und Strukturen im Vordergrund.

 

Guter Markt, schwieriger Kunde

Am Marktinteresse liegt es nicht. 78 Prozent der Startups bewerten das öffentliche Auftragsvolumen als attraktiv, 71 Prozent sehen Behörden als wertvolle Referenzkunden. Und trotzdem: Nur 11 Prozent der GovTech-affinen Startups halten die Zusammenarbeit mit der öffentlichen Hand für attraktiver als das Privatkundengeschäft, für 58 Prozent ist der Staat sogar die unattraktivere Option. Der Markt überzeugt, der Kunde nicht. 

Drei Engpässe ziehen sich durch das Ökosystem: Acht von zehn Startups finden in der Verwaltung nur schwer die richtige Ansprechperson, meist läuft der Erstkontakt über persönliche Netzwerke. Bei der Ausschreibung selbst nennen 72 Prozent die Vergabeunterlagen zu komplex, die Vergabedauer liegt im Median bei 24 statt akzeptablen sechs Wochen. Und auch in der laufenden Zusammenarbeit bleibt es schwierig: 86 Prozent nennen lange Entscheidungsprozesse als Hürde, nur 30 Prozent bewerten ihre Erfahrung mit der Verwaltung positiv.

 

Wer nicht kauft, baut keinen Markt

Der Blick auf Beispiele wie SpaceX zeigt, warum öffentliche Beschaffung mehr ist als Einkauf: Die ersten Aufträge waren nicht in erster Linie Förderung, sondern Umsatz, Referenz und Vertrauenssignal. Für europäische Startups braucht es diesen Hebel, denn klassisches Venture Capital kann ihn kaum ersetzen: 74 Prozent halten VC für den GovTech-Bereich nicht für die optimale Finanzierungsform, weil lange Vergabezyklen schlecht zu Renditeerwartungen passen. 

Das kann aber nicht die Lösung sein: Ziel muss es sein, Verfahren zu bauen, die den GovTech-Markt deutlich attraktiver für Investoren machen. So einen Markt zu bauen ist ein zentraler Impuls, den wir mit der Studie setzen wollen. Dazu haben wir zur Veröffentlichung ein Event ausgerichtet und die Ergebnisse mit unserem Studienpartner Sebastian Günther von Accenture, mit Flora Geske (CEO & Co-Founderin, SUMM AI) und mit Thomas Jarzombek (Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung) diskutiert. Ziel eine Debatte zwischen Startups und Politik. Danach tragen wir den Impuls weiter ins Ökosystem, sei es bei unseren politischen Kampagnen wie der Neuen Gründerzeit oder auch in der Debatte mit weiteren Akteuren.

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